J A K O B   S T E I N H A R D T

 

Jakob Steinhardt

Weitere Berliner Künstler

 

jakob-steinhardt-1


„Jona“

Pastellkreiden auf leichtem, sandfarbenem Karton; an den vier Ecken, sowie an den seitlichen Rändern mittig montiert/geklebt auf Platte; gerahmt (wohl Originalrahmen)
u.r. in Blau, sowie u.l. in Gelb datiert „1924“

Rahmengrösse: 51,5×59,5cm
Blattgrösse: 44,4×52,1cm

u.r. in Blau (in Hebräisch), sowie u.l. in Gelb signiert
auf unterlegter Platte auf teilweise abgerissenem Etikett in dunkler Tinte betitelt: „Jona“

€ 5.300,-

 

 

 

Zustand
An den vier Ecken, sowie an den seitlichen Rändern mittig montiert/geklebt auf Platte; an den vier Ecken jeweils zwei kleine Einstichlöcher (Ecke o.r. mit nur einem Einstichloch); an den Montierungsstellen leicht wellig; Blattränder durch Rahmung etwas berieben; Rahmen partiell mit leichten (vorsichtig bearbeiteten) Abplatzern; verso auf Rahmen oben (wohl von Rahmenhersteller) in Blei bez. „45×53“ [danach unleserlich bez.]

Provenienz
Privatbesitz (Stuttgart)
Es liegt ein Zertifikat des „Art Loss Register“ (London) vor (v. 02.10.2014), dass das vorliegende Werk nicht in den dortigen Datenbanken als fehlend bzw. gestohlen verzeichnet ist.

 

 

Insbesondere in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg tauchen jüdische Propheten als Themen im Schaffen Steinhardts auf. „Der Krieg hatte das Vertrauen in das Vermögen des einzelnen Menschen, das freilich schon 1912 nicht mehr ungebrochen war, restlos erschüttert. […] Noch deutlicher werden Steinhardts Zweifel an der Figur des Propheten, die ja auch immer eine Identifikationsfigur für Künstler selbst war, in seinem Wechsel von Jeremia zu Jona. In Jeremia läßt sich, trotz oder gerade wegen des Scheiterns, der Prophet als Held, ja als tragischer Held darstellen. Jona hingegen verweigert sich seiner Berufung, er will die Rolle des Propheten zunächst nicht annehmen, erfüllt sie schließlich, dem Bauch des Wals entronnen, aus Gehorsam; aber erst als der Baum, unter dem er er Schatten gesucht hatte, verdorrt, unterwirft er sich der Allmacht Gottes. Verglichen mit Jeremias ist Jona eine gebrochene Figur, mit der Steinhardt sein Vorkriegsverständnis von der Rolle des Propheten in Frage stelt“ (Inka Bentz (1995): Propheten und Ostjuden, in: Jakob Steinhardt. Der Prophet [Ausstellungs- und Bestandskatalog Jüdisches Museum im Berlin Museum]; Berlin; S. 65-91 [hier: S. 85]). Das vorliegende Werk ist 1924 entstanden und steht damit in einer Reihe mit anderen Arbeiten Steinhardts zur Jona-Geschichte, die für den Künstler, wie im obigen Zitat angesprochen, zur damaligen Zeit eine besondere Bedeutung hatte. Verwiesen werden kann an dieser Stelle beispielsweise auf die Radierungen „Jona wird ins Meer geworfen“ (Behrens 203), „Jona wird vom Fisch verschlungen“ (Behrens 204), „Jona predigt in Niniveh“ (Behrens 205″, sowie auf die drei (Farb-)Holzschnitte zu Jona (Behrens 380-382). In der vorliegenden Zeichnung zeigt sich dem Betrachter der Moment als Jona nach drei Tagen und drei Nächten im Bauch des Wals aus diesem heraus wieder an Land gespien wird. Der Schreck, die Angst und das Erstaunen stehen dem Propheten dabei buchstäblich im Gesicht geschrieben. Meisterhaft und fein herausgearbeitete Komposition!

Zu Jakob Steinhardt (24.05.1887 Zerkow – 11.02.1968 Nahariya):
1896 Besuch eines Gymnasiums in Berlin; 1906 auf Anregung von Prof. Kaemmerer (Direktor des Posener Museums) erhält Steinhardt ein siebenjähriges Stipendium; 1907-09 Studium am Kunstgewerbemuseum Berlin, das er wieder abbricht; Wechsel zu Lovis Corinth und Hermann Struck, bei dem er die Radiertechnik erlernt; Bekanntschaft mit Ludwig Meidner; 1909-10 Aufenthalt in Paris, dort Studium an der Académie Julian (bei Jean Paul Laurens); nach kurzer Zeit Wechsel zu Henri Matisse bei dem er einen Monat bleibt; Wechsel an die Académie Colarossi zu Theophile Alexandre Steinlen; 1911 Studienaufenthalt in Italien; 1912 zusammen mit Ludwig Meidner und Richard Janthur gründet er die Gruppe „Die Pathetiker“; 1913 im Selbstverlag erscheint eine Mappe Steinhardts mit sechs Radierungen (später als „Mappe I“ neu herausgegeben vom Graphischen Kabinett J.B. Neumann); 1914 Kriegseinsatz in Litauen; 1917 mit großem Erfolg werden Kriegszeichnungen bei der Berliner Secession ausgestellt; Steinhardt wird dort Mitglied und später in den Vorstand gewählt; 1920 Konzentration auf den Holzschnitt; es entstehen zahlreiche Buchillustrationen; 1922 Hochzeit mit Minni Gumpert; Reisen nach Dalmatien, in die Schweiz, nach Frankreich und Dänemark; 1925 erstmalige Reise nach Palästina; es entstehen in der Folge viele Stadt- und Landschaftsansichten; 1928 erscheint die erste Monographie über Steinhardt von Hans Tietze (Verlag Ottens, Berlin); 1933 Emigration nach Palästina; zuerst einige Wochen in Tel Aviv, darauf in Jerusalem ansässig; 1937 werden bei der Aktion „Entartete Kunst“ drei Arbeiten beschlagnahmt; 1949 Leiter der Graphischen Abteilung in der Neuen Bezalel Kunstschule Jerusalem; 1953-57 Direktor der Bezalel Kunstschule; 1965 Ehrenbürger der Stadt Jerusalem; zahlreiche internationale Ausstellungen und Preise

Literatur
Jakob Steinhardt. Der Prophet [Ausstellungs- und Bestandskatalog Jüdisches Museum im Berlin Museum]; Berlin
ESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne; Kettler; Bönen; S. 519
ROTERS, Eberhard / BOLDUAN, Gisela-Ingeborg (1983): Aus Berlin emigriert. Werke Berliner Künstler, die nach 1933 Deutschland verlassen mußten [Katalog zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie vom 08.04.- 04.09.1983]; Berlin; S. 86-87