H E R M A N N   W A S S M U T H

 

Weitere Schweizer Künstler

 

hermann-wassmuth

 

Ärmliche Familie vor blühender Frühlingslandschaft

Mischtechnik (Aquarell & Gouache über Kohlevorzeichnungen) auf Karton; befestigt unter Passepartout
am rechten Rand mittig in Schwarz datiert „1907“

Passepartoutgrösse: 62,5x80cm
Bildgrösse: 49,6×68,6cm

am rechten Rand mittig in Schwarz signiert „H. Wassmuth“
nicht betitelt

€ 950,-

 

 

 

              

 

Zustand
Karton befestigt unter Passepartout; insgesamt leicht wellig; verso leicht fleckig

 

 

Eine idyllische Frühlingslandschaft an einem See bildet die Umgebung für das vorliegende Werk Hermann Wassmuths. Der damals im 35. Lebensjahr stehende Schweizer Künstler hat mit deutlichen Hell-Dunkel-Kontrasten gearbeitet, um somit das gewünschte Motiv in seiner ganzen Spannung auch in der Malweise darstellen zu können.
Der Vordergrund ist in großen Teilen in Kohle ausgeführt und mit dunklen Deckfarben koloriert. Alles wirkt dadurch wie von einem unheilvollen Schatten bedeckt. Man blickt frontal auf eine Familie, die sich unter dem einzig sichtbaren in sattem Grün stehenden Baum befindet. Dieser Baum reicht weit über den Bildrand hinaus und bedeckt mit seinem Gezweig den gesamten oberen Rand.
Durchaus harmonisch bilden Vater, Mutter und Tochter ein gleichschenkliges Dreieck, was jedoch nicht die innere Dynamik abschwächt, welche sich durch die Blickrichtungen in Form von bildimmanenten Diagonalen zeigt. – Die Mutter schaut in das in herrlicher Frühlingsblüte stehende Tal hinunter. Grüne Wiesen, blauer Himmel und ein ruhiger See verheißen ein angenehmes, erhofftes Lebensglück. Doch scheint der Blick der Mutter bereits resignierend und entkräftet zu sein. Die Arme hängen herab und von ihrem Kind, welches sich an ihr Kleid klammert nimmt sie kaum oder gar keine Notiz. Die Tochter schaut mit offenen Augen und offenem Mund den Vater an. Voller Schreck hängt sie sich an die Mutter, gleichsam so als möchte sie diese um Hilfe für den Vater bitten. Dieser wiederum registriert die Anwesenheit der anderen wohl gar nicht. Sein leerer Blick geht geradewegs in die andere Richtung des Weges, weg vom blühenden Tal. Der Hut sitzt schief, die Haare sind zerzaust, die Falsche liegt am Boden – deutlich ist der Mann betrunken.
Wassmuth greift hier die im 19. Jahrhundert auch in der bildenden Kunst aufkommende soziale Frage auf, thematisiert dies aber nicht in einer städtischen Kulisse, sondern übersetzt diese quasi in seine heimatlich ländliche Umgebung. Durch diesen Bruch mit der ‚heilen Welt‘, die vom Künstler in Form des malerischen Tals und der Seelandschaft gezeigt wird, entsteht eine ungemeine, eigenartige Wirkkraft. Man vermeint zwei nicht zusammengehörige Bilder vor sich zu haben – das Landschaftsidyll einerseits und die ärmliche Familie andererseits -, welche der Künstler uns aber schonungslos und damit auch wirklichkeitsnah zwingt zusammen zu sehen.

 

 

Zu Hermann Ernst Georg Wassmuth (18.08.1872 Livorno – 16.09.1949 Küsnacht):
Schweizer Maler; ab Oktober 1894 Studium an der Kunstakademie München (bei Wilhelm von Diez), sowie später Studien in Paris; Studienaufenthalte in Italien; ab 1923 in Küsnacht ansässig und tätig; Wassmuth schuf vor allem Landschaftsansichten und Portraits