H E R M A N N   H Ä R T L E I N

 

Weitere Werke von Hermann Härtlein

 

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Herbstgedicht mit dazugehöriger Illustration (Mann auf einer Parkbank)

Bleistift auf Skizzenpapier; mittig vertikal gefaltet
oberhalb des Gedichts rechts in Blei datiert „Herbst 1914“

Blattgrösse: 23,5×18,9cm (ausgefaltet) bzw. 11,7×18,9cm (gefaltet)

nicht signiert

reserviert

 

 

 

 

        

 

Zustand
Blatt vertikal gefaltet; mittig horizontal verlaufende Knickspur; am linken Rand Abrissspuren (wohl aufgrund Klammerheftung in Block/Heft); Ecken leicht bestoßen; partiell Druckstellen im Blatt; in den Randbereichen leicht nachgedunkelt

 

 

Text des Gedichts:
„Goldgelb das Blatt vom dem Baume sinkt
Leis wispernd seinem Grabe zueilend
der Sonne letzte Glut sie dringt
Im kahlen Gezweige verweilend
die Bank an der Mauer im Schatten ruht
Als träum sie vergangenen Zeiten
Von Hoffnungsglück, schwellender Küsse Glut
dem Liebsten größers Glück zu bereiten. –
Und es wird dunkel und grau die Sonne versinkt.
Frostkalt ziehts die Mauer herunter
Gespenster kommen vom Tal gehinkt
Beglotzen mich wie ein Wunder
[Innenteil:] Was wollt ihr Geister ich brauche nur Licht
Und Sonne und Wärme die gebt ihr mir nicht
Will feiern hier Sonntag er tut mir so not
Im Herzen ists Alltag – S´geht [?] ums Brot.
Schafft mir mein Lieb von Ehmals zurück
Burggeister ich bitt euch bringt mir wieder mein Glück!
Leis säuselnd es von oben rinnt
Mich schauerts wie im Wetter
Eisige Tropfen aufs heiße Gefühl
sind die leise fallenden Blätter
Euer Gleichmut er reizt mich
O hätt ich ihn doch
dann läg ich gleich euch [?] im dunkeln Loch
Und wär gottlob am vermodern“

 

 

Das vorliegende Gedicht Hermann Härtleins mit der dazugehörigen Illustration des Künstlers entstand im Herbst 1914 und allein schon diese jahreszeitliche Datierung lässt reichhaltige Kontextualisierungen zu.
Sowohl in der Zeichnung als auch in der Sprache wird anhand der Beschreibung der Natur, genauer: der herbstlichen Natur, ein menschlicher Gemütszustand ausgedrückt. Ganz dem Trakl´schen Ausspruch „Wie scheint doch alles Werdende so krank!“ folgend, durchzieht die Zeilen und auch die Zeichnung eine wohlige Schwermut und Melancholie, die als ein höchst individuelles Erlebnis beschrieben werden.
Nachdenklich, nachsinnend – so erscheint der Mann auf der Parkbank. Sein Hut liegt neben ihm, der Kopf auf den rechten Arm gestützt. Andere Menschen tauchen sowohl in der Zeichnung als auch im Gedicht nicht auf und man kann dieses Alleinsein, dieses Zurückgeworfensein auf die eigene Individualität wohl auch als eine conditio sine qua non für die Naturbetrachtungen und die daraus sich ergebenden, melancholisch existenziellen Gedanken ansehen.
Härtlein hat bei dem Verfassen dieses Herbstgedichts sicherlich Vorbilder gehabt, denen er nacheiferte. Neben dem erwähnten Georg Trakl, kommt beispielsweise auch Heinrich Heines „Waldeinsamkeit“ in den Sinn, an dessen Ende der in den Wald zurückkehrende, nun innerlich veränderte, entzauberte Erzähler eine Nixe sieht. Doch als diese ihn erblickt endet das Gedicht bei Heine mit den Versen: „Und sie entflieht mit entsetzten Mienen / Als sei ihr ein Gespenst erschienen.“ Bei Härtlein sind es dagegen Gespenster, die den Erzähler ‚wie ein Wunder [beglotzen]‘.
Wunderschön aufeinander abgestimmtes Gesamtkunstwerk, welches sowohl zeichnerisch als auch poetisch als ein berührendes Zeugnis des Lebensgefühls der damaligen jungen Generation gelten darf.

 

 

Zu Hermann Härtlein (1885 – ?):
Bühnenbildner, Zeichner, Illustrator, Grafiker; als Bühnenbildner u.a. in Essen wohnhaft (Hagelkreuz 34) und tätig; 1947 Beteiligung an der „Grossen Kunstausstellung Essen“ (Abteigebäude Essen-Werden); schuf Bühnenbilder zu u.a. „Der Waffenschmied“ (Albert Lortzing), „Parsifal“ (Richard Wagner), „Enoch Arden oder Der Möwenschrei“ (Ottmar Gerster)