H E R M A N N   H Ä R T L E I N

 

Weitere Werke von Hermann Härtlein

 

hermann-haertlein-dunkle-nacht

 

Gedicht „Dunkle Nacht“ mit Illustration

Tusche, grau laviert; auf sandfarbenem Papier
u.r. in Schwarz datiert „[19]13“

Blattgrösse: 14,8×18,2cm

u.r. in Schwarz signiert „Härtlein“, sowie verso am Ende des Gedichts signiert „Hermann“

€ 280,-

 

 

 

 

       

 

Zustand
Blatt mittig mit horizontaler Knickspur; partiell leichte Druckstellen; Ecken leicht bestoßen; linker Rand mit leichten Abrissspuren

 

 

Text des rückseitigen Gedichts „Dunkle Nacht“:
„Durch die Straßen schleicht er brünstig hinter eines Mädchens Spur
Mit stieren Blick und blassen Wangen denkt er an Befriedigung nur
Und sie scheint ihm wohlgewogen und verlangsamt ihren Schritt
Sieht ihn an mit frechen Lächeln, und spricht leise: ‚Schatz komm mit.‘
Er vergißt der Teuren die in der Ferne, seiner nur in Lieb gedenkt.
Der die sündige Begierde niemals ihre Schritte lenkt.
Doch was ist dort?
Dort vom Westen kommt ein Strahlen leuchtend in des Jünglings Herz
Sind es nicht zwei braune Augen die ihn ansehen bitter klagend?
Ja es sind zwei braune Augen mit feuchten Glanz vom tiefen Schmerz
Und der Jüngling steht betroffen.
Stöhnend schlägt er jetzt die Hände vor sein Antlitz
schamgerötet
Er sieht nimmer jenes Werben im Gesicht der gepuderten Schönen
Er fühlt nur moralische Hiebe, und herrlichen Triumph
feiert die wahre Liebe:
O sinnliches Berlin!“

 

 

Das vorliegende Blatt von Hermann Härtlein bildet in seiner Ausführung ein gelungenes Gesamtkunstwerk. Das rückseitige Gedicht „Dunkle Nacht“ wird vom Künstler zugleich auf der Vorderseite äußerst liebevoll illustriert.
Thematisch wird der moralische Reifungsprozess eines Jünglings geschildert, den dieser während einer Nacht in Berlin erlebte. Vielleicht kam dieser Jüngling vom Land und war das Stadtleben nicht gewohnt, welches in ihm starke Begierden weckte. Bei Härtlein ist es hierbei nun vor allem die fleischliche Begierde nach einer Frau, die der Jüngling auf der nächtlichen Straße sieht. Der Bruch erfolgt, als er in das Gesicht jener Frau blickt und den Menschen dahinter erkennt. Er erkennt sie quasi als eine ‚Erniedrigte und Beleidigte‘ (Dostojewskij), vor der er sich für sein Verhalten schämen muss. Sein Mitgefühl und sein Mitleid machen es ihm unmöglich weiterhin ‚brünstig‘ seinen Begierden zu folgen.
Die moralische Umkehr eines Menschen durch das Mitleid ist bereits im 19. Jahrhunderts ein bekanntes Motiv, welches auch im Späteren, beispielsweise in Stefan Zweig „Phantastischer Nacht“ (1922), immer wieder auftaucht. Wunderschönes, äußerst lebendig gefühlvolles Werk!

 

 

Zu Hermann Härtlein (1885 – ?):
Bühnenbildner, Zeichner, Illustrator, Grafiker; als Bühnenbildner u.a. in Essen wohnhaft (Hagelkreuz 34) und tätig; 1947 Beteiligung an der „Grossen Kunstausstellung Essen“ (Abteigebäude Essen-Werden); schuf Bühnenbilder zu u.a. „Der Waffenschmied“ (Albert Lortzing), „Parsifal“ (Richard Wagner), „Enoch Arden oder Der Möwenschrei“ (Ottmar Gerster)