H A R R Y   B E H R

 

Weitere Werke von Harry Behr

 

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Zwei streitende Frauen und feiner Herr

Tuschfeder über partiellen Bleistiftvorzeichnungen auf sandfarbenem Velinpapier
nicht datiert, wohl um 1948-50

Blattgrösse: 42×29,7cm

u.l. in Schwarz signiert „Behr“, sowie verso am unteren Rand in schwarzem Faserstift von fremder Hand bez. „der Maler Harry Behr – Hamburg“
nicht betitelt

€ 290,-

 

                 

 

Zustand
leichte Druckstellen im Blatt; Ecke u.l. mit leichter diagonaler Stauchung; verso im rechten Blattbereich mittig etwas fleckig; verso u.r. etwas undeutl. in Blei bez. „[?] 150,-“

 

 

Harry Behr fand Motive oftmals in Hamburger Etablissements und hielt dabei zeichnerisch die Frauen, die Prostituierten schonungslos in ihrem dortigen, harten Umfeld fest. Auch das vorliegende Werk dürfte in einer solchen Umgebung entstanden sein.
Wie zwei Furien gehen die beiden Frauen im Vordergrund auf sich los. Mit energischem Blick aus zugekniffenen Augen, fest aufeinander gepressten Lippen und geweiteten Nasenlöchern geht die Rechte der Beiden ihrer Kontrahentin wortwörtlich an die Kehle. Die wild durcheinander wehenden Haare sind dabei nur diffus und wirr dargestellt, die Halskette von der Vorwärtsbewegung umher geschleudert. In deutlicher Abwehrhaltung versucht die andere Frau die Hand von ihrem Hals abzuwenden. Die Augen sind aufgerissenen, der Kopf nach Hinten geneigt, der Mund leicht geöffnet.
Als ob diese Szenerie nicht schon perfide genug wäre, erblicken wir als Betrachter zwischen den beiden Frauenköpfen einen elegant mit Smoking und Zylinder gekleideten Herrn, der in seiner Erscheinung an die ‚goldenen‘ 1920er Jahre denken lässt. Die gesamte Haltung des Mannes erscheint nicht nur locker und gelassen, sondern vielmehr auch gelangweilt – die Beine sind übergeschlagen, der rechte Arm ist aufgestützt und in der Hand hält er wohl einen Gehstock, die halb geöffneten Augen sind teilnahmslos auf den Kampf gerichtet. Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, wenn man den Grund des weiblichen Streits in eben diesem Herrn sieht.
Ungemein dynamisch drastische Komposition!

 

 

Zu Harry Behr (11.10.1907 Reichenbach (Vogtl.) – 2.6.1966 Hamburg):
Sohn des Stillleben-, Landschaftsmalers Felix Behr; 1911 Umzug der Familie nach Hamburg; 1928-32 Studium an der Kunstgewerbeschule Hamburg (bei Hugo Meier-Thur); 1930 Veröffentlichung des handgefertigten autobiographischen „Roman eines Sonderlings“; 1932 Meisterschüler; Atelier in der Wexstrasse 23 (später in der ABC-Straße 12c); 1938/39 wurde Behr denunziert und sein Atelier wurde durchsucht, dabei wurden etliche eigene Bilder, sowie Werke jüdischer Künstler konfisziert; Behr kam 24 Stunden in Untersuchungshaft; im Zweiten Weltkrieg in Dänemark und Norwegen stationiert; nach 1945 Suizid der Ehefrau und der Tochter; kunsthändlerische Tätigkeit

Literatur
BRUHNS, Maike (2001): Kunst in der Krise (Band 2); Dölling und Galitz; Hamburg; S.66-67
Familie Kay Rum (Hrsg.): Der neue Rump. Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs (überarbeitet von Maike Bruhns); Wachholtz; Neumünster – Hamburg; S. 36