H A R R Y   B E H R

 

Weitere Werke von Harry Behr

 

Harry Behr: Zwei nackte Prostituierte beim Zurechtmachen

 

Zwei nackte Prostituierte beim Zurechtmachen

Tuschfeder auf sandfarbenem Velinpapier
verso u.l. in Blei datiert „4.9.[19]48“

Blattgrösse: 42,1×29,7cm

u.r. in Schwarz signiert „Behr“
nicht betitelt

€ 300,-

 

                    

 

Zustand
leichte Druckstellen im Blatt; Randbereiche sehr leicht nachgedunkelt; verso am unteren Rand mittig kleiner Farbfleck (Tusche)

 

 

Harry Behr fand Motive oftmals in Hamburger Etablissements und hielt dabei zeichnerisch die Frauen, die Prostituierten schonungslos in ihrem dortigen, harten Umfeld fest. Auch das vorliegende Werk vom September 1948 dürfte in einer solchen Umgebung entstanden sein.
Behr eröffnet uns einen Blick in ein Zimmer mit zwei entkleideten Frauen. Es wird sich hierbei wohl um zwei Prostituierte handeln. Im Vordergrund steht ein Tisch auf dem einem Stillleben gleich Obst und Schüsseln angeordnet sind. Ein Stuhl ist an den Tisch heran gerückt und im hinteren Bereich nimmt den größten Teil ein opulentes, von Vorhängen teils verdecktes Bett ein. Eine der Frauen sitzt auf dem Bett und die andere steht im vorderen Bereich, so dass dieser Vorhang hier als eine gewisse bildimmanente Trennwand fungiert.
Die Frau im Vordergrund richtet sich gerade die Haare. Sie hat die Augen geschlossen und für den Betrachter bleibt unklar, ob er hier einen ruhigen oder einen matten, ermüdeten Ausdruck wahrnehmen soll. Die zweite Frau wendet sich auf dem Bett sitzend in einer halben Drehung von uns weg, so dass wir ihr Gesicht nicht erkennen können. Sie scheint etwas in ihren Händen zu halten – vielleicht ein Handtuch, oder vielleicht ein Hemd zum Anziehen? Die gesamte Komposition wirkt in der schnellen Strichführung scheinbar locker und lebensfroh. Doch Behr erzeugt durch das Verdecken des Gesichts bei der einen bzw. die geschlossenen Augen bei der anderen, eine Anonymisierung der Frauen, wodurch das Ganze eine bedrückende Note erhält. Jede der Frauen scheint in ihrer eigenen Welt zu leben bzw. leben zu müssen. Als Betrachter erhaschen wir hier nur diesen kurzen Momenteinfang, ohne Kenntnis darüber zu haben was dem vorausging, geschweige denn was als nächstes passieren kann.

 

 

Zu Harry Behr (11.10.1907 Reichenbach (Vogtl.) – 2.6.1966 Hamburg):
Sohn des Stillleben-, Landschaftsmalers Felix Behr; 1911 Umzug der Familie nach Hamburg; 1928-32 Studium an der Kunstgewerbeschule Hamburg (bei Hugo Meier-Thur); 1930 Veröffentlichung des handgefertigten autobiographischen „Roman eines Sonderlings“; 1932 Meisterschüler; Atelier in der Wexstrasse 23 (später in der ABC-Straße 12c); 1938/39 wurde Behr denunziert und sein Atelier wurde durchsucht, dabei wurden etliche eigene Bilder, sowie Werke jüdischer Künstler konfisziert; Behr kam 24 Stunden in Untersuchungshaft; im Zweiten Weltkrieg in Dänemark und Norwegen stationiert; nach 1945 Suizid der Ehefrau und der Tochter; kunsthändlerische Tätigkeit

Literatur
BRUHNS, Maike (2001): Kunst in der Krise (Band 2); Dölling und Galitz; Hamburg; S.66-67
Familie Kay Rum (Hrsg.): Der neue Rump. Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs (überarbeitet von Maike Bruhns); Wachholtz; Neumünster – Hamburg; S. 36