F R I E D R I C H   V O N   K E L L E R


Weitere schwäbische Künstler

 

„Kostümstudie zu Christus u. die Sünderin“

Öl auf festem Malkarton, gerahmt
nicht datiert [(wohl) um 1909/10]

Rahmengrösse: 76,7×48,8cm
Bildgrösse: 70x42cm

u.l. in Blei signiert „Fr. Keller“, sowie u.r. in Schwarzbraun signiert „Fr. Keller“

u.l. in Blei betitelt „Kostümstudie zu Christus u. die Sünderin“, wohl Vorarbeit zu dem Gemälde „Jesus und die Sünderin“ [Nr. 261 im Gemäldeverzeichnis (Städtisches Museum Ludwigsburg (Hrsg.) (1996): Friedrich Keller. Ein schwäbischer Realist; Ostfildern; S. 226]

€ 2.200,-

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Zustand
Ecken/Kanten etwas bestoßen (unter Rahmen nicht sichtbar); am oberen Rand mittig kleines restauriertes Loch, sowie im Eckbereich o.r. kleines restauriertes Loch; partiell etwas fleckig; Eckbereich o.r. mit Druckstelle; Platte verso berieben, fleckig, sowie o.l. klein Blei und o.r. klein in Rot nummeriert

 

 

Im vorliegenden Werk befasst sich Friedrich von Keller mit der biblischen Erzählung über Jesus und die Ehebrecherin (Joh. 7,53-8,11). Es wird sich bei dieser Arbeit wohl um eine Studie zu jenem Gemälde handeln, welches im Besitz der Galerie der Stadt Stuttgart (bzw. Kunstmuseum Stuttgart) ist (Inv.-Nr. O-1318). Zudem zeigen sich deutliche Anknüpfungspunkte zu einer weiteren Studie, welche 2008 bei Neumeister (München) zur Versteigerung kam (2. Juli 2008, Neumeister, München, Auktion, Los 719 (Katalogseite 431). Ausgerufen mit dem Titel „Die Begegnung Jesu mit der Sünderin“). Anhand eben dieses Gemäldes lässt sich der vorliegende, dezidiert auf das Kostüm fokussierte Ausschnitt besser bestimmen. Ohne Zweifel handelt es sich hierbei um den rechts sitzenden kritischen Pharisäer bzw. Schriftgelehrten, der mit anderen die Ehebrecherin zu Jesus führte, um dessen Urteil zu erfahren. Der aufgestützte Arm und die grüblerisch zum Mund geführte Hand, verweisen auf eine (strenge) Nachdenklichkeit und eine genaue Beobachtung des Geschehens.
Friedrich von Keller war ein zutiefst religiöser Mensch (vgl. hierzu: Städtisches Museum Ludwigsburg (Hrsg.) (1996): Friedrich Keller. Ein schwäbischer Realist; Ostfildern; S. 142ff.). Bereits in frühen Jahren kam er in Kontakt mit Christoph Hoffmann (1815 Leonberg – 1885 Rephaim bei Jerusalem) und dessen Tempelgesellschaft. Diese aus dem württembergischen Pietismus stammende Gemeinschaft versuchte, vor dem Hintergrund einer Endzeiterwartung, sich als ‚Gottes Volk‘ in Palästina anzusiedeln. 1859 wurde die Gruppe aus der Evangelischen Landeskirche ausgeschlossen, so dass „die Entscheidung für die Tempelgesellschaft [für Keller] auch den Bruch mit der Landeskirche [bedeutete]“ (ebd.; S. 143). Nichtsdestotrotz fand Keller in der Gruppe aber auch menschliche und finanzielle Unterstützung, was für sein Schaffen und seine Entwicklung nicht unerheblich war.
Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich religiöse Gemälde durch das ganze Schaffen des Künstlers ziehen. Und sogar noch verstärkt wird dieses Sujet durch einen retrospektiven Hinweis des Künstlers aus dem Jahr 1913: „Ursprünglich war ja mein Streben auf die religiöse und biblische historische Richtung gestimmt“ (zit. n. ebd.; S. 144).
Während seine frühen Werke noch mehr orientiert sind an künstlerischen Vorbildern und sich bei Auftragsarbeiten auch mehr nach den Wünschen der jeweiligen Auftraggeber richteten, zeigen die späteren religiösen Arbeiten eine größere Freiheit in der, mitunter auch expressiven, malerischen Umsetzung. So schreibt explizit Sibylle Maier hierzu: „Außer seinen akademischen, an klassischen Mustern orientierten Kompositionen versuchte Keller mit einer Reihe von religiösen Gemälden auch Anschluß an modernere Auffassungen zu finden“ (ebd.; S. 145).
Die vorliegende ‚Kostümstudie‘ ist in diese zuletzt genannte Werkreihe einzuordnen und es dürfte sich ein Entstehungszeitraum um 1909/10 nahelegen. Keller spielt mit dem Faltenwurf des Gewandes, lässt das Licht sich immer wieder darin brechen und immer wieder Schattenwürfe in verschiedensten Grautönen erzeugen. Die Gesichtspartie wie auch die im oberen Bereich gezeigte Hand sind nur in ihren Ansätzen, in schnellen Strichen entworfen und treten gegenüber dem erstaunlich plastisch wirkenden Gewand deutlich in den Hintergrund.

 

 

Friedrich von Keller (18.02.1840 Neckarweihingen b. Ludwigsburg – 26.08.1914 Abtsgmünd)
Maler, Zeichner; Sohn des Bauern und Weingärtners Johann Jacob Keller (1794-1849) und dessen Frau Justine, geb. Maier (1798-1871); schon früh erkannte der Ortspfarrer das zeichnerische Talent Friedrich Kellers; 1852 vermittelte ihm der Ludwigsburger Dekan Christlieb die Möglichkeit am Zeichenunterricht des Lehrers Walcher in der Lateinschule teilzunehmen; 1854-58 Maler- und Lackiererlehre in Ludwigsburg; 1858 Umzug nach Stuttgart und dort Besuch der Zeichenschule des Zimmermalers Kämmerer; ab 1862 tätig für jenen Maler Kämmerer; ab Oktober 1867 bis 1871 Besuch der Kunstschule Stuttgart (bei Bernhard von Neher, Heinrich von Rustige, Karl Häberlin); 1871 Übersiedlung nach München und dort anfangs freischaffend als Berufs- und Genremaler tätig, da die Akademie überfüllt ist; Keller hält sich zum Malen v.a. in Polling und in Dachau auf; 1874-77 Besuch der Kunstakademie München (bei Wilhelm von Lindenschmit d.J.); 1876 Heirat mit seiner Jugendliebe Ernestine Burger; ab 1877 erneut als freischaffender Künstler tätig; Ende der 1870er Jahre findet Keller zum Motiv der Steinbrecher, das für sein Schaffen signifikant werden sollte; 1883 Berufung als Professor an die Stuttgarter Kunstschule; 1898-1900 Direktor der Kunstschule; Keller war zu dieser Zeit materiell abgesichert, wendet sich immer mehr von der Genremalerei ab und gibt in seinen Werken wichtige Impulse für das Kunstleben; in seinem späten Schaffen erhält Keller zudem zahlreiche öffentliche Aufträge (u.a. für den Ulmer Schwurgerichtssaal (1897) und neutestamentliche Szenen für Kirchen); 1904 Ägypten- und Palästinareise; 1908 Verleihung des Ehrenritterkreuzes des Württembergischen Kronordens; 1908 organisierte der Stuttgarter Galerieverein eine große Werkschau; 1912 Ernennung zum Ehrenbürger von Abtsgmünd; 1913 schied Keller aus der Kunstakademie aus und zog sich nach Abtsgmünd zurück; Werke Friedrich von Kellers befinden sich u.a. in der Gemäldegalerie Dachau, der Kunsthalle Hamburg, dem Schloss Drachenfels (Königswinter), dem Stadtmuseum Ludwigsburg, dem Kunstmuseum Stuttgart

Literatur
Städtisches Museum Ludwigsburg (Hrsg.) (1996): Friedrich Keller. Ein schwäbischer Realist; Ostfildern
NAGEL, Gert K. (1986): Schwäbisches Künstlerlexikon; Kunst & Antiquitäten; S. 65
STAPS, Sven-Wieland: Keller, Friedrich von, in: „Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, Onlineversion, Künstler-ID: 00156756