F R A N   T R A T N I K

 

 

Fran Tratnik

 

Zwei alte Landstreicher im Gespräch

Bleistift auf Papier, komplett aufgezogen auf festem Karton
u.r. datiert „[19]09“

Grösse: 29,8×38,1cm

u.r. signiert „FTratnik“
nicht betitelt

€ 730,-

 

 

 

 

                        

 

Zustand
insgesamt etwas nachgedunkelt, gebräunt; Ecken etwas bestoßen; im Randbereich u.r. (etwas unterhalb der Signatur) zwei sehr kleine oberflächliche Abriebe/Fehlstellen im Papier; Ecke o.r. mit minimalem Papierverlust; im Blattbereich l.m. (etwas links vom Hüftbereich des linken Mannes) kleine oberflächlicher Abrieb/Fehlstelle im Papier; im rechten Bereich mittig (etwa bei den Beinen des rechten Mannes) oberflächlich leicht fleckig; Karton verso in den Randbereichen aufgeraut, Kratzspuren von früherer Befestigung/Rahmung; verso o.m. (durchgestrichener) Stempel „Fritz Grobholz / Wunsiedel / Jahnstraße […]“

 

 

Fran Tratnik gilt als einer der Pioniere des Expressionismus‘ in Slowenien, der zugleich der Zeichnung als eigenständiger künstlerischer Arbeit zu höherem Ansehen verhalf. Aufgewachsen ist Tratnik an den Ufern der Dreta, in dem kleinen, nur wenige Hundert Einwohner zählenden Dorf Potok. Die Armut und das Leid als künstlerische Themen werden ihm bereits hier begegnet sein, um fortan zentrale Motive seines Schaffens zu werden.
Die vorliegende Zeichnung aus dem Jahr 1909 lässt sich explizit in eben diesen Themenumkreis einordnen. Tratnik hatte zu dieser Zeit seine akademische Ausbildung beendet und machte sich bereits einen Namen als Künstler. Unter anderem lieferte er Illustrationen für den „Simplicissimus“. Von einem leicht niedrigen Standpunkt aus blicken wir auf zwei ältere Personen, die sich angeregt im Gespräch befinden. Aufgrund des Bodens und dem teilweise ausgeführten Hintergrund lässt sich annehmen, dass sich die beiden Männer auf einem Feld bzw. außerhalb einer Ortschaft getroffen haben. Dass es sich jedoch bei beiden Männern nicht um ‚normale‘ Dorfbewohner handelt, wird bereits beim ersten Blick deutlich. Die Kleidung ist mitunter viel zu groß, wirkt abgenutzt, der wohl nur provisorische Gehstock droht jederzeit zu brechen, zudem haben die Beiden einen wenig gepflegten Bartwuchs und nicht zuletzt fallen die Warzen im Gesicht, sowie die geschwollenen Finger des linken Mannes auf. Dies alles lässt sie als Landstreicher erscheinen, welche schlicht und ergreifend andere Sorgen als das äußere Erscheinungsbild haben.
Fran Tratnik zeichnet hier die Männer in ihrer ganz eigenen Art – ohne Beschönigungen oder Verklärungen. Der unzweifelhafte Mangel an so vielem ist ebenso wie die eklatante Armut sichtbar; und doch zeigt Tratnik beide Männer im Gespräch, im sozialen Austausch und unweigerlich fragen wir uns als Betrachter über was diese sicherlich lebens- und leidenserfahrenen Männer sprechen. Tratnik gelingt es dadurch beide Personen aus den verschiedenen Stigmata des ‚Landstreichers‘ herauszuholen, um das Menschsein in den Vordergrund zu rücken.
Brillante Komposition aus dem verhältnismäßig frühen Schaffen!

 

 

Zu Fran Tratnik (11.06.1881 Potok – 10.04.1957 Ljubljana):
Slowenischer Maler, Zeichner; Sohn des Töpfers und Holzhändlers Jozef Tratnik und dessen Ehefrau Franciska, geb. Govek; 1899-1901 Studium an der Kunstakademie in Prag; aufgrund finanzieller Schwierigkeiten seiner Eltern muss er sein Studium unterbrechen und kann es erst später mit Hilfe von Stipendien wieder aufnehmen; 1902-03 Studium an der Kunstakademie Wien; 1903-05 Studium an der Kunstakademie München; in München arbeitete er u.a. für den Simplicissimus; 1905-07 erneuter Besuch der Kunstakademie Prag; ab 1904-05 zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen in u.a. München, Prag, London, Rom, Celje; Tratnik betätigte sich v.a. als Illustrator und Zeichner; 1907-09 erneuter Aufenthalt in München; 1909-12 in Prag ansässig und tätig; in der Folgezeit als freischaffender Künstler tätig; später als Restaurator im Museum in Ljubljana angestellt; es entstanden v.a. Porträts in Öl, Zeichnungen, die sich dezidiert mit sozialen Themen, Armut befassen, wobei er dabei auch immer wieder auf Erinnerungen aus seiner dörflichen Heimat zurückgriff; Tratnik gilt als einer der Pioniere des Expressionismus‘ in Slowenien