E R N S T   S T E R N

 

Weitere Werke von Ernst Stern

 

Ernst Stern: Wilde Weiber aus Dachau u.a.

 

„Ausstellung der bayerischen Kolonien. / Die Schwarzen von Tuntenhausen / Wilde Weiber aus Dachau“

Tusche auf Karton, verso am oberen Rand durch zwei Klebestreifen auf bräunlichen Karton gesetzt
nicht datiert, 1903

verkauft

 

 

                          

 

Grösse des unterlegten Kartons: 48,1×31,9cm
Blattgrösse: 35,8×19,8cm

u.m. in Schwarz signiert „Stern“, sowie im Stempel verso u.l. auf dem unterlegten Karton handschriftlich mit Künstlername bez.
betitelt bei der Illustration der Zeichnung mit „Ausstellung der bayerischen Kolonien. / Die Schwarzen von Tuntenhausen / Wilde Weiber aus Dachau“ in: „Die Auster. Modernes illustriertes Wochenblatt“, 1. Jg. (1903), Nr. 16, S. 154 (eine Abb. der Seite aus „Die Auster“ findet sich am Ende der Artikelbeschreibung)

Zustand
Blatt verso am oberen Rand durch zwei Klebestreifen auf hellen Karton gesetzt; im unteren Randbereichen leicht berieben; im Eckbereich o.r. teilw. wegradierte Anmerkungen in Blei; verso leicht fleckig, sowie groß in Blau nummer. „176“

Provenienz
Dr. Friedrich Wilhelm Denzel (München) [hierzu verso u.l. auf dem unterlegten Karton dunkelvioletter Stempel; weiterhin verso auf Blatt u.r. kleiner, etwas farbschwacher blauer Stempel „G+W D“ [(wohl) Georg + Wilhelm Denzel; Georg Denzel (1873-1959 war der Vater von Friedrich Wilhelm]]

 

 

In ihrer Abhandlung über Karikaturen zur Münchner Freilichtmalerei 1860-1910 geht Julie Kennedy auch explizit auf die beiden vorliegenden, zusammengehörigen Zeichnungen Ernst Sterns ein und schreibt hierzu:
„In der Jugend und im Simplicissimus erreichte die Verspottung des ‚Malweibs‘ um 1900 ihren Höhepunkt. Das Bild der Dachauer-Freilichtmalerin hatte inzwischen eine solche Verbreitung gefunden, dass es auch in gesellschaftlich-politischen Karikaturen Stoff für Satire bot. Im ersten Jahrgang des ‚Modernen illustrierten Wochenblatts‘ Die Auster 1903 zeichnete der Secessionsmaler und erfolgreiche Karikaturist Ernst Stern (1876-1954) […] eine kritisch-ironische Parodie auf die damaligen Kolonialausstellungen mit dem Titel Ausstellung der bayerischen Kolonien. Nicht die fremde indigene Bevölkerung wird der westlichen Zivilisation als exotisches Exponat präsentiert, wie auf den deutschen Kolonialausstellungen um 1900 üblich, sondern die Bayern werden als skurriles ‚Urvolk‘ zur Schau gestellt. Neben einem Ausstellungsstand mit Mitgliedern des Tuntenhausener ‚Bayerisch-Patriotischen Bauernvereins‘ als ‚Die Schwarzen von Tuntenhausen‘, welche für 10 Pfenning mit langen Speeren wie Afrikaner um ein offenes Feuer tanzen, stehen barfüßige ‚Wilde Weiber aus Dachau‘ als volkstümliche Sehenswürdigkeit in einem Vogelkäfig, auf dem ein Wimpel mit Künstlerwappen weht. Die überspannten Wesen in modernen Reformkleidern mit salopper Frisur und extravaganter Kopfbedeckung halten verständnislos ihre Malpaletten und Pinsel in den Händen, während ihre Arme Flatterbewegungen andeuten, die sie als exotische ‚Wildvögel‘ mit Federschopf und zwitscherndem Mund entlarven. Leere Farbtuben liegen angebissen auf dem Boden, der Besucher wird durch ein Schild gewarnt: ‚Fressen nur Ölfarbe‘“ (Julie Kennedy (2008): Der Pleinarist und das „Malweib“, in: Stefan Borchardt (Hrsg.): Vor den Alpen. Malerei der Münchner Schule; Beuron; Beuroner Kunstverlag; S. 25-37 [hier: 35-36].

 

 

Zu Ernst Stern (01.04.1876 Bukarest – 28.08.1954 London):
Rumänisch-deutscher Bühnenbildner, Zeichner, Maler, Grafiker, Illustrator; Ernst Julian Stern stammte aus einer gutbürgerlichen, jüdischen Familie in Bukarest; Besuch der Handelsakademie in Wien; ab 1894 Besuch der Kunstakademie München (bei Nikolaus Gysis und Franz von Stuck); Stern arbeitet als Illustrator für die „Jugend“ und den „Simplicissimus“; Mitglied der Münchner Sezession; gelegentlich hatte er Auftritte beim Kabarett „Elf Scharfrichter“; 1905 Umzug nach Berlin und dort u.a. tätig für die „Lustigen Blätter“; 1906 wurde er von Max Reinhardt für das Deutsche Theater engagiert und war bis zu Reinhardts Weggang 1921 dort tätig; Mitglied der Berliner Secession; ab 1918 entwirft Stern auch Filmkulissen und arbeitet hierbei u.a. zusammen mit Friedrich Wilhelm Murnau, Ernst Lubitsch, Richard Oswald, Max Mack, Carl Froelich und Wilhelm Dieterle; 1924 Ernennung zum Ausstattungsleiter am Großen Schauspielhaus; 1934 ging er nach Hollywood, um an dem Film „Caravane“ zu arbeiten; später im Jahr 1934 verzog er nach London und blieb dort ansässig; Stern war weiterhin als Bühnenbildner tätig

Literatur
GÜLKER, Bernd A. (2001):Die verzerrte Moderne: die Karikatur als populäre Kunstkritik in deutschen satirischen Zeitschriften; LIT-Verlag; Münster; S. 215-216
HOMEYER, Fritz (1966):Deutsche Juden als Bibliophilen und Antiquare; J.C.B. Mohr; Tübingen; S. 101-102
PFEFFERKORN, Rudolf (1972): Die Berliner Secession. Eine Epoche deutscher Kunstgeschichte; Haude + Spenersche Verlagsbuchhandlung; Berlin; S. 104
WENIGER, Kay (2011):’Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben…‘ Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht; Acabus-Verlag; Hamburg; S. 487-488