E R N S T   G E I T L I N G E R

 

Ernst Geitlinger

 

Weitere Werke von Ernst Geitlinger

 

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„An der Bar“

Aquarell; partiell mit Deckweiß gehöht; auf sandfarbenem Ingrespapier (Wasserzeichen „PMF Italia“); an den beiden linken Ecken durch Klebeband in Klapppassepartout (Klebung gelöst)
u.l. in Blei datiert „[19]39“, sowie von fremder Hand im Passepartout u.l. in Blei nochmals datiert „1939“

Passepartoutgrösse: 80x60cm
Blattgrösse: 62,5×48,5cm (im WVZ angegeben mit 60x47cm)
Grösse des Passepartoutausschnitts: 59,9×46,8cm

u.l. in Blei signiert, sowie von fremder Hand im Passepartout u.r. in Blei bez.
betitelt im WVZ: „An der Bar“, dort verzeichnet unter P 51 (Ernst Geitlinger Gesellschaft, München (Hrsg.) (1991): Ernst Geitlinger. Werkverzeichnis 1924-1972; Verlag St. Johann; Saarbrücken; S. 253 (mit s/w Abb.)]; verso auf dem Blatt o.l. in Blei betitelt „Feierabend“ (daneben wohl frühere Preisangabe „RM 75,-“); ebenso nochmals von fremder Hand im Passepartout u.l. in Blei bez.

€ 3.400,-

 

Zustand
Blatt an den beiden linken Ecken durch Klebeband in Klapppassepartout (Klebung gelöst); Ränder technikbedingt leicht wellig; am oberen Rand in den beiden Ecken und mittig kleine Einstichlöcher; oberer Rand mittig mit kleinem Einriss (Länge etwa 1,2cm); am linken Blattrand mittig zwei kleinere Stellen mit Papierverlusten; am rechten Blattrand oben kleiner Papierverlust; am rechten Blattrand mittig zwei kleinere Einrisse (Länge je etwa 0,3cm); am unteren Blattrand in den beiden Ecken kleinere Papierverluste; mittig im Blatt durchgehend leichte vertikale Stauchung; partiell leichte Druckstellen im Blatt; verso auf Blatt u.l. und u.r. in Blei bez. / nummer.; verso in den vier Ecken Reste früherer Befestigung (Klebestreifen)

Provenienz
Galerie Klihm (München), später im Besitz von Erika Klihm (Thansau) [hierzu verso u.r. neben Nummerierung in Blei bez. „Klihm“]

Ausstellungen
1) 10.07-01.09.1974 Städtische Galerie im Lenbachhaus, München (Nr. 82)
2) 17. Stuttgarter Antiquariatsmesse (im Messekatalog S. 45 (mit Abb.))

 

Durch die Kulturpolitik des Dritten Reichs wurde es für Ernst Geitlinger immer schwieriger mit seiner künstlerischen Tätigkeit den Lebensunterhalt zu sichern. Nachdem dann auch 1937 und 1938 Versuche zu emigrieren scheiterten, zieht Geitlinger sich in die ‚innere Emigration‘ zurück. „Nur wenige Bilder von 1937 wie ‚Trommeln der Nacht‘ (G 50) oder ‚Vor der Mauer‘ (G 51) spiegeln die bedrohliche Situation der Zeit. Stattdessen baut sich Geitlinger eine heiter-phantastische Gegenwelt auf: ‚Schiffschaukel‘ (G 58), ‚Pferderennen‘ (G 62), ‚Clowns‘ (P 46) u.a. sind seine Antwort auf den vom braunen Terror beherrschten Alltag“ (Roswitha Nees: Biographie, in: Ernst Geitlinger Gesellschaft, München (Hrsg.) (1991): Ernst Geitlinger. Werkverzeichnis 1924-1972; Verlag St. Johann; Saarbrücken; S. 13-24 [hier: 17]). Die vorliegende Arbeit ist in diese Phase einzuordnen. In abstrahiert minimalistischer Weise zeigt sich eine Barszenerie. Ein kantig gemalter Mann sitzt am Tresen; der rückseitigen Betitelung „Feierabend“ folgend, lässt sich annehmen, dass dieser gerade von der Arbeit kommt. Hinter dem Bartresen erkennt man – nicht zuletzt an der Brust und dem als Dreieck dargestellten Schambereich – eine in geschwungenen Linien gemalte Frau bzw. Bedienung. Die gesamte Arbeit wird dabei dominiert durch rote, blaue und schwarze Farbflächen, die dem Ganzen eine unruhige Dynamik verleihen. Brillante Komposition!

Zu Ernst Geitlinger (13.02.1895 Frankfurt a.M. – 28.03.1972 Seeshaupt):
nach der Volksschule Besuch eines Internats in Waldkirch (bei Freiburg); 1912 Oberrealabschluss; 1913 Umzug der Familie nach New York; Beschluss Theatermaler zu werden, wozu sich Geitlinger an der Academy of Design einschreibt; 1914 Bekanntschaft mut Puzzi Hanfstaengl, der in New York eine Malschule betreibt; bis 1918 arbeitet Geitlinger dort als Zeichenlehrer; Bekanntschaft mit Winold Reiss, bei dem er seine Kunststudien fortsetzt und in dessen Atelier er mitarbeitet; 1920 Heirat in New York mit Martha Kartenkamp; 1922 Rückkehr nach Deutschland (München); 1922-31 Studium an der Kunstakademie München (bei Karl Caspar); bis 1929 pendelt Geitlinger zwischen München und new York; ab 1929 in München ansässig; 1931 erste Einzelausstellung in der Galerie Weber (Berlin); 1932 Mitglied der Juryfreien; Einrichtung eines Ateliers übder dem „Schwabingerbräu“ in der Feilitzschstraße 28; in den 1930er Jahren Zusammenarbeit mit dem Maler Georg Hans Müller; 1933 politisch bedingte Auswanderungspläne; 1935 zweite Heirat mit Marianne Isler, die Familie wohnt in der Kurfürstenstraße 39; 1935 werden bei einer Ausstellung auch Werke Geitlingers im Vorfeld der Eröffnung wieder abgehängt; 1936 Mitglied im Deutschen Künstlerbund; 1937 wird eine Arbeit Geitlingers (wohl „Stilleben“ (G19), Anfang der 1930er Jahre von der Stadt München angekauft) im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt; bis 1938 verschiedene Emigrationsversuche in die USA, UdSSR, nach Kolumbien; Geitlinger erhält keine Aufträge mehr, bereits ausgeführte Auftragsarbeiten für Verlage werden abgelehnt; Geitlinger zieht sich in die „innere Emigration“ zurück; er ist tätig als Anstreicher und Posthilfsarbeiter; weiterhin malt er heimlich weiter; um dem Kriegsdienst zu entgehen legt er am 12.03.1942 die Dolmetscherprüfung ab und wird in ein Gefangenenlager für Briten nach Hohenfels (Oberpfalz) verlegt; weiterhin ist er malerisch tätig; 1942 mietet Marianne Geitlinger ein Zimmer in Seeshaupt (Hauptstr. 4) und führt einen Teil der Bilder ihres Mannes dorthin über; am 10.03.1943 wird das Münchener Atelier bei einem Bombenangriff zerstört; 1945 kurzzeitig in amerikanischer Kriegsgefangenschaft; Anfang Juli 1945 Heimkehr; durch den Kunsthistoriker Dr. Hans Helmut Klihm und dessen Ehefrau Erika konnte Geitlinger neue Kontakte zu Sammlern und Museen knüpfen; Dezember 1945 erste Ausstellungsbeteiligung nach dem Krieg im Schaezler-Palais (Augsburg); im Weiteren zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen; 1946 Mitbegründer der Künstlervereinigung Neue Gruppe; 1948 Teilnahme an der Biennale in Venedig; 1949 Auftrag für das Bühnenbild und Kostümentwürfe für Igor Strawinskys „Orpheus“ an der Bayerischen Staatsoper; ab 1950 regelmäßig beteiligt an den Großen Münchner Kunstausstellungen; 1951 Beitritt zu den Darmstädter und Frankfurter Sezessionen; 1951-65 Professor an der Kunstakademie München; 1957 Italienreise; 1961 zwei Wandgestaltungen an der kaufmännischen Berufsschule Fulda; 1965 Gründung der privaten Malschule „Atelier Geitlinger“ in München; am 23.07.1983 gründen ehemalige Schüler Geitlingers die „Ernst Geitlinger Gesellschaft“

Literatur
NEES, Roswitha: Biographie, in: Ernst Geitlinger Gesellschaft, München (Hrsg.) (1991): Ernst Geitlinger. Werkverzeichnis 1924-1972; Verlag St. Johann; Saarbrücken; S. 13-24
SEIDENFADEN, Ingrid: Einführung, in: Ernst Geitlinger 1895-1972 [Städtische Galerie im Lenbachhaus München, 10. Juli bis 1. September 1974]; Christoph Dürr Verlag; München; unpag.
Internetseite der Ernst Geitlinger Gesellschaft (ernst-geitlinger.de)