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Brief von Elias Auerbach an Sammy Gronemann zu dessen 70. Geburtstag

maschinenschriftlicher Brief auf sandfarbenem Papier; mittig zweifach (vertikal & horizontal) gefaltet
o.m. maschinenschriftl. datiert und im Druck lokalisiert „Haifa 24.III.[19]45“

Blattgrösse: 22,5×29,2cm

am Ende des Schreibens in dunkelbrauner Tinte signiert „Elias Auerbach“, sowie am oberen Rand dreifach Absenderadresse („Dr. Elias Auerbach / Haifa, Hadar Hacarmel / 1 Jerusalem St. corner Balfour / […]“

€ 170,-

 

 

 

 

      

 

Zustand
Blatt mittig zweifach (vertikal & horizontal) gefaltet; an den Faltstellen in den Randbereichen mitunter leichte Einrisse; am linken Rand zwei Löcher; am linken Rand mittig, sowie am unteren Rand links kleiner Papierverlust; rechter und unterer Blattrand etwas knittrig; Ecken etwas bestoßen; in Ecke u.l. klein in Blei nummer. „15“; in Ecke o.r. klein in Blei bez.[?]; verso etwas nachgedunkelt

Provenienz
Felix Henseleit (1903-1974 Berlin; Redakteur, Kritiker, Schriftsteller)

 

 

Text des Briefes:
„Lieber Gronemann!
Was, Sie sollen siebzig Jahre alt sein? Unsinn! Sie sind siebzig Jahre jung! Wenn ich so in meinen Erinnerungen um etwa 40 Jahre zurückgehe und den Referendar Gronemann unter dem Gelächter eines begeisterten Publikums den Klausner rituell abschlachten sehe, dann ist das ganz derselbe Gronemann, den ich vor ein paar Monaten gehört habe. Dasselbe Augenzwinkern und verschmitzte Lächeln kündigt den nächsten Peitschenhieb an. Dieselbe Kunst, eine ernste Sache zum fröhlichen Siege zu führen.
Nun, ganz dasselbe ist es vielleicht doch nicht, einiges hat sich wohl doch inzwischen verändert. Ich bin ja auch nicht mehr ganz der blutjunge Student und Turner jener heroischen Jahre. Aber eines ist geblieben: die geheime, beinahe verschwörerische Gemeinschaft der alten Kämpen, die noch Herzl kommen und gehen sahen. Das können die jungen Fünfziger, die vor uns nach Balfour in den Zionismus hineinkamen, gar nicht mehr verstehen, und das können sie uns nicht nachmachen. Wir waren dabei, als eine grosse Idee in die Welt trat, wir waren ihre Geburtshelfer, Ammen, Wärter und Kämpfer. Und nun sitzen wie in Palästina, das einmal auf einer fernen Ideal-Wolke schwebte. In einem Leben haben wir Ideal und Erfüllung erlebt! Nur wir. Kann es etwas Grösseres und Schöneres geben? Wir sind auch nicht enttäuscht, dass die Realität anders aussieht als das Ideal. Ein weiser Humor wie der Ihre weiss, dass es nicht anders sein kann. Die Schuld liegt ja nicht an der Realität, sondern an unserer jünglingshaften Idealität. Es ist gut, wie es ist, nicht wahr, lieber Sammy? Wir haben ein Leben hinter uns, mit Leiden und Schmerzen, aber die Bilanz ist gut und ehrlich und schliesst mit Gewinn ab.
Wir haben auch noch ein Leben vor uns, und in diesem hoffe ich Ihnen noch oft zu begegnen. Und jedesmal, wenn wir uns die Hand drücken, sagt unser Blick, das unausgesprochene: weisst du noch? Bis hundert und zwanzig, mein Lieber! Und mit Ihnen Ihr alter“

 

 

Zu Elias Auerbach (28.07.1882 Ritschenwalde (Posen) – 1971 Israel):
Israelischer Arzt, Schriftsteller, Historiker; jüngstes Kind des Rabbiners Baruch Menachem Auerbach (1843-1919); 1890 Umzug der Familie nach Berlin; Schulbesuch und Medizinstudium in Berlin; 1905 Promotion über die „Innervation der Hirngefäße“; frühes Engagement für den Zionismus (u.a. beim Sportverein Bar Kochba); 1903, 1905, 1907 nahm er an den Zionistenkongressen teil; nach seiner Promotion ließ er sich in Berlin-Wilmersdorf als Allgemeinarzt nieder und arbeitete daneben als Assistenzarzt am Physiologischen Institut der Universität Berlin; August 1909 Heirat mit seiner Jugendfreundin Rachel Rosenthal und Auswanderung nach Palästina; in Palästina ließen sie sich in Haifa nieder und Auerbach wurde praktizierender Arzt; 1914 wurde er zum Kriegsdienst einberufen; während des Kriegsdienstes verfasste er u.a. Buchrezensionen für die „Neuen jüdischen Monatshefte“; im Oktober 1919 verstarb seine Frau an der Spanischen Grippe; die zwei Kinder brachte Auerbach nach Berlin zu Verwandten; zweite Heirat mit Grete Heilborn und im Sommer 1920 erneuter Aufbruch nach Palästina; in Haifa eröffnete er seine Praxis wieder und betrieb diese bis zu seiner Pensionierung; 1930-33 Aufenthalt in Deutschland, da seine zweite Frau Grete erkrankte; Auerbach lehrte während dieser Zeit Bibelwissenschaft an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin; 1932-36 erschien das zweibändige Werk „Wüste und Gelobtes Land“ (Schocken Verlag, Berlin); 1933 Rückkehr nach Haifa und verstärktes politisches Engagement; Mitbegründer der Partei „Alija Chadasha“; ab 1950 Dozent für biblische Themen und jüdische Geschichte an verschiedenen Universitäten; 1959 Pensionierung; 1960 Verleihung der Ehrenbürgerschaft Haifas

 

 

Zu Sammy Gronemann (21.03.1875 Strasburg (Westpreußen) – 06.03.1952 Tel Aviv):
Schriftsteller, Dramatiker, Satiriker, Rechtsanwalt, Zionist; Sohn des Rabbiners Selig Gronemann (1843-1918); verbrachte den meisten Teil der Kindheit in Hannover; dort Besuch des Lyzeums II.; im Anschluss einjähriges Studium am Rabbinerseminar zu Halberstadt, sowie darauf folgend Jurastudium in Berlin (Erstes Staatsexamen 1898); in dieser Zeit erster Kontakt mit zionistischen Ideen; 1898-1904 Referendariat beim Amtsgericht in Nienburg; 1902 Heirat mit Sonja, geb. Gottesmann (1877-1936); 1904-06 Assessorexamen in Hannover; 1906 Umzug nach Berlin; dort rege Aktivitäten in zionistischen Kreisen (u.a. wurde Gronemann Präsident der Motefiore-Loge); 1900 wurde er auf dem IX. Zionistischen Kongress in Hamburg zum Stellvertreter Chaim Weizmanns ernannt; 1911 beim X. Zionistischen Konhress in Basel wurde er zum Vorsitzenden des zionistischen Ehrengerichts gewählt; 1916-18 Kriegsdienst in der Presseabteilung des Oberbefehlshabers Ost als Dolmetscher für Jiddisch in Kowno und Bialystock; dort Bekanntschaft mit Arnold Zweig, Karl Schmidt-Rottluff, Hermann Struck; 1920 erschien der erste Roman „Tohuwabohu“; das im Ersten Weltkrieg Erlebte veröffentlichter er 1924 in dem Buch „Hawdoloh und Zapfenstreich“, was zu einer maßgeblichen Neubewertung des Ostjudentums beitrug; 1929 erste Palästinareise; 01. April 1933 flieht das Ehepaar von Berlin nach Paris; in Paris setzten sich Beide für Flüchtlinge ein; Anfang 1936 Emigration nach Palästina, dort ließen sie sich in Tel Aviv nieder; fortan als Rechtsberater, sowie in der Erwachsenenbildung tätig; nebenher Theaterschriftsteller (sein erstes Stück „Jakob und Christian“ wurde im September 1937 im Matate-Theater (Tel Aviv), sowie am 08.10.1937 im Jüdischen Kulturtheater Wien uraufgeführt); 1943 wurde seine Bibelkomödie „Der Weise und der Narr“ uraufgeführt); es folgten weitere Stücke