A L F R E D   A H N E R


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Alfred Ahner

 

„Herbstblumenstrauß“

Pastellkreiden auf Papier, verso am oberen Rand durch Klebestreifen (säurefrei) auf Karton befestigt, gerahmt, unter Glas
mittig rechts in Schwarz dat. „1938“

Rahmengrösse: 60,8×78,9cm
Blattgrösse: 52,5×70,5cm

mittig rechts in Schwarz signiert „A. Ahner“, sowie verso auf dem Blatt & verso auf der Rahmenrückwand vom Künstler sign. & bez. mit u.a. dessen damaliger Adresse („Alfred Ahner / Weimar / Luisenstr.“)
verso auf dem Blatt vom Künstler betitelt: „Herbstblumenstrauß“, sowie verso auf der Rahmenrückwand vom Künstler nochmals bet.

€ 1.700,-

 

 

Zustand
Blatt verso am oberen Rand durch Klebestreifen auf Karton befestigt; partiell leichte Druckstellen; im Eckbereich o.r. Blatt oberflächlich leicht aufgeraut; partiell leicht fleckig;in den Eckbereichen jeweils mehrere kleine Einstichlöcher, sowie kleine Knickspuren (unter Rahmen nicht sichtbar); Blatt verso etwas fleckig; Rahmenrückwand leicht wellig, sowie etwas fleckig und im Randbereich etwas berieben; Rahmen mit leichten Gebrauchsspuren (in den Randbereichen etwas berieben)

 

                                        

 

 

Herzlichen Dank an Frau Bettina Geißler, Enkelin des Künstlers, für freundliche Hinweise zur Einordnung des Werks!

 

 

Ab 1922 war Alfred Ahner als freischaffender Künstler in Weimar wohnhaft und tätig. Die wirtschaftliche Lage Ahners war nicht nur in dieser Anfangszeit oftmals sehr angespannt, so dass er mitunter gezwungen war Werbeplakate für Cafés und Restaurants zu erstellen und zudem stets auf die Unterstützung von Familie und Freunden hoffen musste (vgl. hierzu Scher (1977), S. 29ff.). Der ab 1933 sich andeutende restriktive kultur- und kunstpolitische Wandel unter den Nationalsozialisten belastete sowohl den Künstler als auch dessen Werk sehr. „[Er] fühlte sich gehemmt, verunsichert, hatte öfters Angst um seine Arbeiten und Gedichte. ‚Oft wenn ich geschlafen habe, erwache ich in Angstzuständen, wie ich sie früher nicht gehabt habe…‘ Er wurde selbst Bekannten gegenüber mißtrauisch, fragte sich, ob er im Gespräch nicht etwa zu offen war. Er erfuhr von folgenschweren Denunziationen, von Einlieferungen in Konzentrationslager. Er mied die Straße, die ihn früher so gelockt hat, zu Hause in seinen ‚paar Räumen‘ fühlte er sich noch geborgen und sicher. […] Das Naziregime, das zunehmend sein wahres Gesicht zeigte, lähmte auch seine künstlerische Potenz. So beklagte er im Frühjahr 1935, daß er dank ‚…dieser Lumpen nichts rechtes mehr hat arbeiten können!‘ Er fühlte sich wie ein im Käfig eingesperrtes Tier, er ahnte Unheil und Schrecken des Krieges und gab ihnen in Selbstbildnissen und phantastisch-erschütternden Szenen visionären Ausdruck (ebd., S. 55-57).
Der vorliegende ‚Herbstblumenstrauß‘ aus dem Jahr 1938 ist in diese prägende, biografisch einschneidende Schaffensphase einzuordnen. In seiner Ausführung lässt sich das Werk in Beziehung setzen zum 1941 entstandenen „Stillleben im Atelier“ (im Besitz der Mühlhäuser Museen, Abb. in: Kreis Weimarer Land / Kreis Groß-Gerau (Hrsg.) (2001): Alfred Ahner 1890-1973. Pastelle-Zeichnungen-Gemälde; Druckhaus Gera; Gera; S. 138).
Womöglich handelt es sich hierbei um ein dezidiert zum Verkauf bestimmtes Motiv, welches den Lebensunterhalt der Familie sichern sollte. Darauf könnten auch explizit die vom Künstler geschriebenen ‚Handhabungshinweise‘ (wie bspw. „Vorsicht – nicht nass wischen“) auf der Blattrückseite, sowie der Rahmenrückseite hindeuten. Dennoch ist dieses Stillleben weit davon entfernt als für die damalige Zeit konform zu gelten. In vornehmlich düsteren, matten Farben, aus denen immer wieder Violetttöne hervorstechen, entsteht eine florale Komposition, die ganz aus den Farben und der besonderen Wirkkraft der Pastelltechnik lebt.
Das von rechts einfallende Licht beleuchtet den reichhaltigen Blumenstrauß beinahe fast genau zur Hälfte, wogegen der Rest im Schatten liegt und in düsteren, mehr gewischten Farben ausgeführt wurde. Zwangsläufig kommt bei dieser Ansicht kein rein dekorativer Charakter auf, wie man ihn mitunter bei Stillleben erwarten mag. Neben dem, bereits in der jahreszeitlichen Wahl der Blumen angelegten, Motiv der Vergänglichkeit, liegt doch auch eine allgemeine Düsternis, ein Betrübtsein und vielleicht auch ein nicht zu spezifizierendes Angstgefühl in diesem überaus farbenprächtigen, wie gleichsam wirkmächtigen Arrangement.

 

 

Zu Alfred Ahner (13.08.1890 Wintersdorf – 12.11.1973 Weimar):
Maler, Zeichner; 1896-1902 Besuch der Grundschule in Wintersdorf; 1902-05 Besuch der Mittelschule in Meuselwitz; 1905-10 Lithografenlehre in Gera bei Ernst Günther, sowie Zeichenunterricht in der Geraer Sonntagsschule ; Bekanntschaft mit Otto Dix und Kurt Günther; 1911-13 Besuch der privaten Zeichenschule von Wladimir Magidey in München, sowie der Kunstakademie München (bei Peter Halm und Carl Becker-Gundahl); Bekanntschaften mit u.a. Erich Mühsam, Frank Wedekind, Alexander Roda-Rosa, Henry Bing, Albert Weisgerber, Hermann Stemmler; 1913-14 Studium an der Kunstakademie Stuttgart (bei Heinrich Altherr und Adolf Hölzel); September 1914 – Dezember 1918 Kriegsdienst vorwiegend in Frankreich als Sanitätssoldat und Sanitätshundeführer; 1919 – Mai 1920 Tätigkeit als Bergarbeiter und Pumpenwärter im Wintersdorfer Braunkohlentagebau; ab 1919 Mitglied der SPD; ab 1923 Mitglied der KPD; 1920-22 als freischaffender Künstler in Wintersdorf tätig; erste Ausstellungen in Altenburg und Leipzig; ab 1921 Mitglied im Künstlerbund Ostthüringen; 1922 Übersiedlung nach Weimar; Heirat mit Erna, geb. Oschatz; 1923 Geburt des Sohnes Karl-Herman; 1925 Geburt der Tochter Maria-Erika; ab 1928 Mitglied der Thüringer Gruppe; 1937 wird bei der Aktion „Entartete Kunst“ eine Arbeit Ahners beschlagnahmt; 1939 Reise nach Wien, Salzburg, München; 1943 Tod des Sohnes; 1944-45 Sanitätssoldat; im Februar 1945 wird die Wohnung in Weimar durch Bombenangriff beschädigt, das künstlerische Werk blieb aber zum Großteil verschont; bis Dezember 1946 Notunterkunft in Taubach bei Weimar; ab 1946-47 Wohnung in der Thomas-Müntzer-Straße in Weimar; ab 1945 als freischaffender Künstler tätig; 1952 Studienaufenthalt in Merxleben, dem ersten LPG der DDR; ab 1958 Reisen in das Erzegbirge, den Harz, nach Stralsund, Dresden, Moritzburg, Meißen, Usedom, Rostock; 1962 Ehrenbürger der Gemeinde Wintersdorf; 1965 Auszeichnung mit der Goethe-und-Schiller-Medaille als Ehrengabe der Stadt Weimar; 1968 Reisen mit seiner Ehefrau nach Flensburg und Bielefeld; 1969 zweiter Schlaganfall, seitdem rechtsseitig gelähmt, was ihn dazu zwingt fortan mit der linken Hand zu zeichnen und zu schreiben; 1971 Auszeichnung mit der Johannes-R.-Becher-Medaille; September 1973 Erkrankung an einer Lungenentzündung

Literatur
Kreis Weimarer Land / Kreis Groß-Gerau (Hrsg.) (2001): Alfred Ahner 1890-1973. Pastelle-Zeichnungen-Gemälde; Druckhaus Gera; Gera
SCHERF, Helmut (1990): Alfred Ahner. Persönlichkeit und Werk; Verlag der Kunst; Dresden