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Adolf Gerhard

Weitere Werke von Adolf Gerhard

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(wohl) Orpheus in der Unterwelt

Öl auf Leinwand; Keilrahmen; gerahmt [(wohl) Originalrahmen];
u.r. datiert „[19]74“

Rahmengrösse: 148×128,5cm
Leinwandgrösse: 140x120cm

u.r. signiert „A. Gerhard“
nicht betitelt

€ 2.300,-

 

 

               

 

Zustand
sehr leicht staubig; partiell leicht fleckig; im Bereich u.r. leicht fleckig (wohl früherer Wachsfleck?); Leinwand verso leicht farbfleckig; Rahmen mit wenigen leichten Gebrauchsspuren

Provenienz
verso am Keilrahmen u.r. in Blei bez. „am 27.7.83 von Frau Anni Gerhard Geschenk an Pfr. Reuter[?] zum silbernen Priesterjubiläum“

 

 

Adolf Gerhard verstarb am 21. Februar in heimischer Umgebung in Mainz. Bis zu seinem Tod blieb er unermüdlich künstlerisch tätig. Zu dieser Schaffensphase, den letzten Lebensjahren des Künstlers, schreiben Alessandra Lutz und Winfried Wilhelmy:
„Die Werke der siebziger Jahre zeugen von Gerhards enormem Schaffensdrang, der sich sowohl in der Anzahl seiner Bilder, besonders jedoch in der Qualität der Arbeiten niederschlug. Unterstützt wurde diese Entwicklung sicherlich auch durch die Anerkennung, die seinem Schaffen auf vielen in- und ausländischen Ausstellungen zuteil wurde. […] Zahlreiche Urkunden, Medaillen und Auszeichnungen zeugen von einer hohen Wertschätzung, die seinem Werk nun entgegengebracht wurde. […] Vielleicht war sein enormer Schaffensdrang der frühen siebziger Jahre in der Ahnung des nahen Todes begründet. Im Januar des Jahres 1975 wurde die Ahnung zur Gewißheit. Diagnose: Krebs. Jetzt gab ihm die Kunst die Möglichkeit, die Angst vor den Leiden und den Schmerzen, sowie die Ungewißheit über Zukunft und Tod zu verarbeiten und auszudrücken“ (Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.) (1996): Adolf Gerhard 1910-1975 [Begleitbuch zur Ausstellung im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz vom 15. März 1996 bis 29. Juni 1996]; Hermann Schmidt; Mainz; S. 70].
Das vorliegende großformatige Werk entstand 1974 und ist damit in diese letzte, signifikante Schaffensphase einzuordnen.
Auf den ersten Blick steht man als Betrachter einer fulminanten Farbexplosion gegenüber – Blau, Rot, Schwarz, Gelb und das Weiß der Grundierung bilden Flächen, liegen in hastigen Strichen übereinander und greifen in ihrer mitunter äußerst pastosen Malweise in den bzw. unseren Raum hinein. Langsam aber bilden sich im unteren rechten Bereich die Konturen einer Person, die auf einem Musikinstrument spielt, heraus. Vielleicht erscheinen auch Konturen von Gebäuden, Türme, Fenstern, welche jedoch allesamt nur in Ansätzen zu erahnen sind. Die übrige Fläche bleibt in steter Dynamik und Unruhe inbegriffen.
Werke mit religiösem und mythologischem Hintergrund tauchen nicht nur, aber durchaus verstärkt in den 1970er Jahren immer wieder bei Adolf Gerhard auf (vgl. hierzu ebd.; S. 70f., sowie Gottfried Borrmann (1984): Adolf Gerhard 1910-1975. Das Religiöse in seinem Werk; H. Schmidt; Mainz) und auch diese Komposition dürfte in diesen Kontext einzuordnen sein. In diesem Sinne kann die Person im Vordergrund wohl als der Lyra spielende Orpheus angesehen werden, welcher in die Unterwelt herabsteigt, um seine Frau Eurydike, die durch einen Schlangenbiss starb, zu befreien. Durch seine Musik gelang es ihm auch tatsächlich Hades umzustimmen und die Nymphe zurückzugewinnen. Diesem Gedanken folgend befindet sich Orpheus in diesem Gemälde bereits in der Unterwelt und spielt auf seiner Lyra. Um ihn herum ist die Zerstörung, der Tod, die Verlassenheit, das Nichtbeschreibbare der Unterwelt.
Meisterlich ausgeführtes, bestechend impulsives Großformat aus der späten Schaffensphase des Mainzer Künstlers!

 

 

Zu Adolf Gerhard (20.10.1910 Mainz – 21.02.1975 ebd.):
Maler, Zeichner, Grafiker, Bildhauer; der Vater Jacob Gerhard war selbst Holzbildhauer und Kunsthändler, bei ihm erhielt er seine erste künstlerische Ausbildung; 1926-32 Studium der Malerei und der Innenarchitektur an der Kunst- und Gewerbeschule Mainz (Abschluss mit Diplom); in dieser Zeit Anschluss an die „Vereinigung Mainzer Künstler“; ab 1932 Mitarbeit im elterlichen Betrieb; aufgrund der anthroposophischen Ausrichtung der Familie wurden seine Werke vermehrt während der Zeit des Nationalsozialimus‘ geächtet; aufgrund einer Sehschwäche vom Wehrdienst zurückgestellt; 1940-1943 Studium an der Städelschule in Frankfurt am Main; 25.07.1942 Heirat mit der Musiklehrerin Anni, geb. Binger; das Ehepaar Gerhard lebte in der Walpodenstraße 35 in Mainz; 1942 Zwangsverpflichtung (Reichsarbeitsdienst) in eine Munitions- und Giftgasfabrik, Studienunterbrechung; kurze Wiederaufnahme der Studien; am 31. März 1943 Einberufung zur Wehrmacht und endgültiger Studienabbruch; Gerhard war in einer Flakstellung in der Nähe von Mainz eingesetzt; 27. Februar 1945 die Wohnung in der Walpodenstrasse 35 und die elterliche Wohnung mit der Kunstwerkstätte werden bei einem Bombenangriff zerstört; von März 1945 bis März 1947 amerikanische Kriegsgefangenschaft (u.a. in Mourmelon); März 1947 Rückkehr nach Mainz, ab da an als freischaffender Künstler tätig; anfangs wohnte das Ehepaar zusammen mit Annis Mutter in einem Zimmer in der Walpodenstraße 14; finanzielle Sorgen bedrängten die Familie; 1956 Umzug in die Kaiserstraße; langsam besserte sich die wirtschaftliche Lage; Studienaufenthalte in fast allen europäischen Ländern; seit 1947 Einzel- und Gruppenausstellungen in zahlreichen Städten des In- und Auslandes, u. a. Mainz, Berlin, München, Brüssel, Florenz, Rom, Paris, Monte Carlo, Santiago de Chile, posthum auch in Salzburg, Ankara, Valencia, Oslo, Leek (GB), New York und Jerusalem; 1970-74 zahlreiche Silber-/Goldmedaillen von Kunstakademien in Rom, Monte Carlo, Biarritz, Borgosesia und Paris. Posthum Ehrenauszeichnungen in Monte Carlo, Lyon, Juan-les-Pins, Paris und Antibes; 1993 Silberehrennadel Europäischer Kulturkreis Berlin; 1982 Benennung einer Straße in Mainz-Bretzenheim nach Adolf Gerhard; 2010 organisierte die Adolf-Gerhard-Stiftung in Kooperation mit dem Kulturdezernat der Landeshauptstadt Mainz zum 100. Geburtstag des Künstlers die Ausstellung „Ein Mainzer Künstler zwischen Tradition, Wandel, Realität und Vision“

Literatur
BORRMANN, Gottfried (1984): Adolf Gerhard 1910-1975. Das Religiöse in seinem Werk; H. Schmidt; Mainz
KOTZUR, Hans-Jürgen (Hrsg.) (1996): Adolf Gerhard 1910-1975 [Begleitbuch zur Ausstellung im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz vom 15. März 1996 bis 29. Juni 1996]; Hermann Schmidt; Mainz
SPANNER, Werner (1973): Vorwort, in: Adolf Gerhard. Maler Bildhauer [Artis Documenta]; Editions Christian Hals; Monte-Carlo; unpag.