Theodor Zeller. 1900-1986 Maler und Visionär

Manfred Schill

 

Rezension von Maximilian v. Koskull

TheodorZeller-Buch

 

Denzlingen, 2000
124 Seiten

 

 

Der von Manfred Schill zusammengestellte und erarbeitete Band erschien im Jahr 2000 und damit zum 100. Geburtstag des Künstlers Theodor Zeller. Der Autor war lange Jahre mit Zeller befreundet und trug in einer beachtlichen Recherchearbeit die Informationen zu vorliegendem Werk zusammen.
Theodor Zeller ist trotz seines umfangreichen und überaus eigenständigen Schaffens nur wenigen Kunstinteressenten außerhalb Denzinlingens, seines Hauptwirkungsortes, bekannt. So vermag diese Publikation – und das kann bereits an dieser Stelle gesagt werden – allein schon aus dieser ganz allgemeinen Sicht ein Desiderat zu schließen¹.

Der Band ist unterteilt in insgesamt vier Abschnitte: „Leben und Schaffen“ (4-52), „Werkdeutungen“ (53-65), „Ausstellungen“ (66-78) und „Dokumente“ (79-92). Hierauf folgen dann noch ein farbiger Bildteil mit immerhin knapp 30 Seiten, ein Namensregister und Anhänge.

Zu Beginn (4-10) wird das Leben Zellers in all seinen Turbulenzen, Schicksalsschlägen und Besonderheiten geschildert. Hervorzuheben ist dabei die übersichtliche, chronologische Darstellungsweise, sowie die reiche Illustrierung des Textes durch Fotos und Werkabbildungen.
Nach seiner Kindheit und Jugendzeit im schwäbischen Donzdorf kommt der 1900 geborene Zeller 1914 für zwei Jahre nach Rottenburg a.N., um sich dort auf das Abitur vorzubereiten. Der Abschluss am Ehinger Gymnasium wird durch den Krieg unterbrochen, zu dem er sich zusammen mit Schulkameraden noch im Kriegsjahr 1918 freiwillig meldet. Erst 1920/21 kann er den Schulabschluss nachholen. Dem Wunsch der Mutter entsprechend, soll ihr Sohn Theodor Geistlicher werden. Und obgleich er in diesem Sinne 1922 ein Theologiestudium in Tübingen beginnt, ist er doch zu diesem Zeitpunkt in einer seelischen Krise und „[er] zweifelt an seiner Berufung zum Priester“ (4). 1923 belegt er Philosophievorlesungen in Freiburg, bevor er zwei Semester in München verbringt, um dort der Theologie zu folgen.
Während dieser Münchner Zeit entdeckt Zeller seine Vorliebe für die Kunst, bewirbt sich bei der Münchner Kunstakademie, wird aber flugs abgelehnt und erhält stattdessen eine Aufnahmebewilligung der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe. Warum er dann aber diese nicht annahm, bleibt offen und mag als pars pro toto für das eigensinnige Wesen Zellers gesehen werden. Zeller kehrt nach Freiburg zurück, bricht endgültig mit dem Theologiestudium und will Künstler werden. Seinen ersten Unterricht erhält er bei Hans Lemke (1885-1959) und durch einen Mäzen ist es ihm 1927 vergönnt sich in Florenz und Rom weiterzubilden. Auf dieser Italienreise kommt es zu zwei bedeutsamen Kontakten: in Rom begegnet er dem Freiburger Verleger Theophil Herder-Dorneich (1898-1987), mit dem er künftig eng verbunden sein wird, und in Florenz lernt er seine spätere Frau, die aus Wien stammende Eva-Martina Gunscher (1901-1980), kennen. Das Paar heiratet im September 1928. Es ist auch Herder-Dorneich, der ihm nach seiner Rückkehr aus Italien den Auftrag zur Illustrierung der „Göttlichen Komödie“ Dantes erteilt, was für Zeller im besten Sinne des Wortes zum Lebenswerk werden sollte.
In der für das junge Ehepaar schlechten wirtschaftlichen Situation der ausgehenden 1920er und beginnenden 1930er Jahre kommen die beiden Kinder Ambrosius-Johannes (1929-1979) und Veronika (1931) zur Welt. Anspannungen, Unstimmigkeiten und Probleme prägen diese Phase. Eva Zeller muss gesundheitsbedingt oft zur Kur. Besonders brisant wird die Lage ab 1933, da Eva Zeller jüdischer Abstammung ist. Einer Aufforderung zur Zwangssterilisation entflieht sie 1935 nach Rom, arbeitet kurzzeitig in der Villa Massimo als Wirtschafterin, wird dort aber ihrer Herkunft wegen entlassen. 1936 holt sie die beiden Kinder aus Deutschland nach Rom. Aufgrund seiner Weigerung der Reichskammer der bildenden Künste beizutreten, hat Theodor Zeller nahezu kein Auskommen. Zudem werden 1937 im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ zwei Werke aus den Städtischen Sammlungen Freiburgs beschlagnahmt². Er folgt der Familie 1938 nach Italien. Kriegsbedingt wechseln die Aufenthaltsorte der Familie mehrmals. 1944 schließlich fliehen die Zellers über Perugia nach Florenz, wo die Familie getrennt wird. Eva Zeller und die beiden Kinder gelangen nach Oberbayern, wogegen Theodor Zeller in Florenz bleibt. Er gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 in Bad Aibling entlassen wird. Bis 1950 wohnt die Familie in München, doch Zeller zieht es zurück nach Denzlingen. Dem Drängen des Vaters nach erneutem Umzug widersetzen sich Frau und Kinder, so dass der nun 50jährige Künstler die Rückkehr allein antritt.
Der Kontakt mit Herder-Dorneich lebt im Folgenden erneut auf und seine Arbeiten an der „Göttlichen Komödie“ werden fortgesetzt. 1967 entsteht ein Malkreis aus Schülerinnen und Schülern um Zeller. Die Bekanntheit Zellers in Denzlingen wächst. Er erhält Aufträge zu Ausmalungen in der St.-Jakobus-Kirche (1975) und der St.-Michaels-Kirche (1979), deren Ergebnisse im weiteren Verlauf des Bandes noch eingehend erläutert und gedeutet werden (53-65). Ende November 1986 erkrankt Zeller, verstirbt am 3. Dezember in Freiburg und wird am 6. Dezember auf dem Denzlinger Friedhof beigesetzt.

In den darauf folgenden, zumeist wenige Seiten umfassenden Abschnitten werden die Person und das Werk des Künstlers aus unterschiedlichen Perspektiven angegangen. Es wird beispielsweise die Prägung durch das schwäbische Elternhaus, ebenso wie sein Verhältnis zu seiner Frau thematisiert. Daneben wird noch genauer auf die Person und die Persönlichkeit Zellers eingegangen. Auch hier ist die reiche Bebilderung des Textes für den Leser sehr angenehm.
Ein mit „Denzlinger Erinnerungen“ betitelter Teil (40-52) beendet den ersten Abschnitt des Bandes. Es wird der 1967 gegründete Malkreis genauer umrissen und gerade durch die vielen persönlichen Schilderungen seiner Schülerinnen und Schüler, wird diese Lebens- und Schaffensphase Zellers überaus plastisch und greifbar vor Augen geführt.

Der zweite Abschnitt des Buches ist mit „Werkdeutungen“ (53-65) überschrieben und gliedert sich in die „Ausmalungen der St.-Michaels-Kirche (Storchenturm)“ (53-60) und „Die Ausgestaltung der St.-Jakobus-Kirche“ (61-65). Das Bedeutsame dieses überaus lesenswerten Abschnitts liegt zweifelsohne darin, dass die vorgestellten Interpretationen vom Künstler selbst stammen und zum Teil verschriftliche Redebeiträge darstellen. Zusammen mit Manfred Schill kann man es nur bedauern, dass „es [leider] nicht möglich war, dem geschriebenen Wort den Zellerischen Originalton mitzugeben […]“ (3). Beispielhaft für die eigenwillige, beinahe urwüchsige Ausdrucksweise, folgt ein kleiner Ausschnitt einer solchen, prägnanten Bilddeutung zur St.-Jakobs-Kirche:
„Und dann zu Thomas: ‚Komm her, da!, leg deine Faust hinein!‘ Und das hab´ ich da dargestellt, hier, der Kerl, der gerade zögert, das ist eine Art Kampfstellung Und Gott in der Person Jesu schreit auf, daß so ein Lump Ihn anrührte, und von Magdalena ließ er sich nicht anrühren! Ich wollte nur damit zeigen, es geht in allem um das letzte Sein, und das letzte Sein, das wissen alle jene von euch, die vorhin die Predigt gehört haben über die Liebe. […] Und nun habe ich versucht, da noch andere Apostel hinzumalen. Sie sind doch die Grundsäulen der Kirche, die Apostel, und alle waren Schlappschwänze mit Ausnahme des Johannes, mehr oder weniger haben sie ihn alle versetzt in der Stunde“ (65).

Im dritten Abschnitt „Ausstellungen“ (66-78) werden insgesamt sieben Ausstellungen Theodor Zellers aus den Jahren 1962 bis 1990 anhand von Zeitungsberichten, Beiträgen in Ausstellungskatalogen und vom Künstler selbst gehaltenen Eröffnungsreden dargestellt.

Der vierte Abschnitt „Dokumente“ (79-92) enthält neben einer Stammtafel (79), welche Zellers nähere Familie mit Eltern, Geschwistern und Kindern darstellt, Abbildungen verschiedener biografischer, personenstandsbezogener Archivalien (80-86), sowie literarische Zeugnisse des Künstler (87-92). Die literarischen Zeugnisse bestehen dabei aus einem längeren Brief an die Mutter vom 1. November 1919, sowie drei kurzen Gedichten aus den Jahren 1923/24. Diese Selbstzeugnisse sind nicht nur vom Inhalt her überaus lesenswert, sondern stellen darüber hinaus auch einen visuellen Genuss dar, wurden doch Zellers Originaltexte in dessen markanter, kunstvoller Handschrift mitabgedruckt.

Die bereits erwähnte Bebilderung zieht sich durch den ganzen, schön gestalteten Band. Der Aufbau des Inhalts ist klar und deutlich. Einzig die Auflistung einer Bibliografie zu der wohl überschaubaren Anzahl an Artikeln und Beiträgen über Zeller, wäre wünschenswert gewesen.
Da sowohl der Autor und auch weitere Verfasser von Beiträgen, aus dem nahen Umfeld Theodor Zellers kommen, mag man einwenden, dass der Blick oftmals zu persönlich ist. Und wer eine konsequent quellenbasierte, kunsthistorische Ausarbeitung mit möglichst angestrebter Objektivität erwartet, der wird dies nicht erfüllt finden. Obgleich natürlich gerade der biografische Teil sauber aufbereitet ist und auch sonst die Publikation fern von idealistischen Verklärungen bleibt. Doch genau hierzu schreibt Manfred Schill bereits in seinem Vorwort, „daß [seine] Ausdeutungen über Zeller im letzten nicht objektiv sein können. Es ist eine Sichtweise von vielen möglichen. Vieles mag zu einseitig, zu ideal sein […]“ (3 – fett im Original). Da den ganzen Band hindurch diese eine Sichtweise eingehalten wird, erscheint gerade diese Einheitlichkeit als Stärke des Bandes an sich. Denn wer sich bewusst ist, dass er bei dieser Publikation eine persönlich geprägte Zusammenstellung und Ausarbeitung zu Leben und Werk Theodor Zellers in den Händen hält, der wird zweifelsohne Gewinn daraus ziehen.

¹ In der Literatur taucht Theodor Zeller kaum bis gar nicht auf. Auch im Standardwerk „Expressiver Realismus“ von Rainer Zimmermann (1980) bleibt er unerwähnt, obgleich er durchaus jener dort erarbeiteten ‚verschollenen Generation‘ zugerechnet werden darf. Eine Zusammenstellung biografischer Angaben findet sich bei Günther Wirth (1987): Verbotene Kunst 1933-1945. Verfolgte Künstler im deutschen Südwesten (Stuttgart: Hatje, S. 336).

² Ein Aquarell mit einer Denzlingen-Ansicht, sowie ein Rom-Motiv in Öl. Beide Werke wurden wohl als ‚nicht-verwertbar‘ vernichtet.

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